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EK VOM 26.04.2005
 

Tödliche Falle an der Pfalzpainter Altmühlbrücke
Vor 60 Jahren erschoss die SS drei amerikanische Soldaten / Ein Gottesdienst während des Gefechts

Von Rudolf Hager


Pfalzpaint (EK) Auch in dem kleinen Altmühldorf Pfalzpaint hat es gegen Kriegsende verschiedene Ereignisse gegeben, die die Menschen in große Angst und Aufregung versetzten. Nicht so gerne und vor allem nicht öffentlich sprach man früher über ein Geschehen, das sich beim Einmarsch der Amerikaner ereignet hat und das drei US-Soldaten das Leben kostete. Leonhard Schneider, Jahrgang 1932, der die Zeit des Krieges und das Ende in Pfalzpaint selbst miterlebt hat, erzählte dazu folgendes: „Bereits am 24. März 1945 hatte eine Mordtat in der Bevölkerung, die vorwiegend nur aus alten Männern, Frauen und Kindern bestand, große Unruhe verursacht. Bei der Kontrolle einer unbekannten Person, die zwischen Rieshofen und Pfalzpaint die Altmühl entlang ging, war der Ortspolizist, Kommissär Peter Baur, erschossen worden. Es wurde später vermutet, dass es sich um einen Deserteur der deutschen Wehrmacht gehandelt hatte; ergriffen wurde dieser Mann aber nie. Einige Tage, bevor die Frontlinie auch das Altmühltal erreichte, rückte - nicht gerade zur Freude der Bewohner - ein Trupp SS-Soldaten in Pfalzpaint ein. Während die etwa 15 bis 20 Mannschaftsdienstgrade in der Schule untergebracht wurden, bezogen die Offiziere beim „Baumeister Anderl" Quartier. Kurz darauf erschien dann auch noch ein Trupp Wehrmachtsoldaten, der den Auftrag hatte, alle Brücken zu sprengen. Sie gruben dafür zwei Fliegerbomben, denen die hinteren Flügel abgeschraubt wurden, in der Mitte der Brücke ein. Vier kleinere Bomben wurden auf der linken Altmühlseite vor der Brücke, wo die Straße eine Kurve machte, in ein etwa zwei Meter tiefes Loch gelegt. Dann wurde die Brücke bewacht; niemand durfte ihr zu nahe kommen. Etwa zwei Tage, bevor die Amerikaner kamen, hieß es dann gegen 17 Uhr: alle Fenster aufmachen, die Brücke wird gesprengt! Zwar versuchten einige beherzte alte Männer und Frauen aus dem Dorf, darunter der hier gebürtige und zufällig anwesende Pfarrer Meier, mit den Soldaten zu verhandeln, um die Sprengung zu verhindern, was aber alles nicht half: Die Brücke flog in die Luft. Die Fliegerbombe riss ein Stück des Mittelteiles heraus und beschädigte einen der Pfeiler. Mit der zweiten Detonation entstand in der Straße ein tiefes Loch, das als Annäherungshindernis gedacht war. Der Sprengtrupp zog anschließend weiter nach Rieshofen, um etwa zwei Stunden später die dortige Brücke „in die Luft zu jagen", wie die Männer beim Abzug sagten.

Panzer von Pfahldorf
Es muss der 24. April 1945 gewesen sein, als am Abend Leute .ins Dorf kamen und erzählten, dass auf der Straße von Pfahldorf herunter bis Gungolding Panzer stünden. In der Frühe des 25. April wurde in diesem Bereich dann auch stark geschossen. Bei der Arnsberger Burg stand ein deutsches Geschütz, das wohl aus Munitionsmangel nur gelegentlich einen Schuss abgab -die Amerikaner feuerten aber ganz wild darauf. Am Morgen des 25. April 1945 hatten sich SS-Soldaten in dem bei der Brückensprengung entstandenen Bombentrichter verschanzt und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Kurz vor Mittag konnte man vom Dorf aus die ersten Amerikaner sehen, wie sie den Nordhang des Altmühltales aus Richtung Pfahldorf, herunter kamen. Bei einer Heckenreihe am Talrand gingen sie in Deckung und beobachteten Pfalzpaint. Als sich nichts rührte, zogen sie sich wieder zurück. Nur kurze Zeit später kam ein offener Jeep mit drei Soldaten die Straße von Isenbrunn her auf Pfalzpaint zugefahren. Wegen des tiefen Kraters und der gesprengten Brücke fuhr er seitlich zur Altmühl hinunter und querte den Fluss an einer seichten Stelle. Der Wasserstand war zu dieser Zeit nicht sehr hoch. Eigenartigerweise wurde das Fahrzeug von den SS-Soldaten nicht bemerkt - entweder haben sie geschlafen, oder sie ließen den Jeep absichtlich durch. Die Amerikaner fuhren dann in den Ort und fragten beim Wirt, ob die Panzersperren in Gungolding geschlossen wären. Dann fuhren sie in diese Richtung weiter. Inzwischen hatte die SS im Ort aber das feindliche Fahrzeug bemerkt und einen „stillen Alarm" ausgelöst. Einer der Offiziere ging zu dem Trupp bei der Brücke um sie entweder zu verdonnern, weil sie nicht aufgepasst hatten, oder er gab ihnen besondere Anweisungen. Zusätzlich wurde nun am westlichen Ortsausgang ein weiterer Mann mit einem Maschinengewehr in Stellung gebracht. Dann kam der Jeep zurück. Als die Amerikaner die Altmühl an gleicher -Stelle wieder durchfahren wollten, kam ihr Fahrzeug etwas ab und blieb stecken. In diesem Augenblick eröffneten die SS-Soldaten aus ihren Schützenloch heraus das Feuer auf die Besatzung. Von der war einer sofort tot, der zweite lebte zwar noch, starb aber kurz darauf ebenfalls, während der dritte unverletzt blieb. Die SS-Soldaten ließen die beiden Toten einfach liegen. Leute vom Volkssturm und der Bauer Meier, sein .Hausname ist „Adel", gruben die beiden, bei denen es sich angeblich um Offiziere handelte, in der Nacht gegen 2 Uhr im Friedhof bei der Kirche ein. Mit dem gefangenen dritten Amerikaner fuhren einige SS-Soldaten dann im Jeep, den sie aus der Altmühl gezogen haben, zunächst die Dorfstraße in Richtung Walting. Am Ortsende kehrten sie aber wieder um, weil ihnen die Straße nicht gut genug war. Nun fuhren sie unter der Bahnlinie durch auf die heutige Straße.

Kreuz für toten US-Offizier
Als der dort stationierte Posten mit dem Maschinengewehr das amerikanische Fahrzeug sah, begann er darauf zu schießen. Durch Rufe konnten sich die SS-Soldaten zu erkennen geben und dann ungehindert weiter fahren. Es wird allgemein angenommen, dass der Amerikaner von der SS-Soldaten dann bei Walting erschossen wurde. Später fand man nämlich am Waldweg oberhalb des Bahnhofes, wo sich heute noch ein Kreuz befindet, einen toten amerikanischen Offizier. Der Krieg aber war noch nicht aus. Aus den umliegenden Orten waren überall Granateinschläge zu hören. Oberhalb des „Pietentales" fuhr dann um die Mittagszeit ebenfalls ein Panzer auf, der die ganze Zeit über Pfalzpaint hinweg in den Hofstettener Forst schoss. Dazu kreiste über dem Kampfgebiet ständig ein Aufklärungsflugzeug. Auch die SS hatte sich inzwischen aus Pfalzpaint südlich in den Wald abgesetzt. Dort müssen noch schwere Kämpfe gewesen sein, denn die Volkssturmmänner, die später alle deutschen Toten aufsammelten, berichteten auch von zahlreichen toten Amerikanern. Während dieser Schießereien hielt Pfarrer Meier in der Kirche einen Gottesdienst ab, bei dem aber nur wenige Personen anwesend waren. Durch die Explosionen rieselten ständig Staub und Putz von der Decke herunter, ja sogar einige Glasscheiben fielen durch den Druck aus den Fenstern. Ein Problem gab es im Ort mit der weißen Fahne. Wegen der Drohungen, die die SS vor ihrem Abzug ausgesprochen hatte, traute sich keiner, sie aufzuhängen. Es soll dann Max Engelhardt gewesen sein, der ein fahnen-ähnliches weißes Tuch am Kirchturm befestigte. Wie es scheint, wurde Pfalzpaint zunächst von den Truppen umgangen, denn erst am Vormittag des nächsten Tages, es müsste der 26. April gewesen sein, kamen die Amerikaner ins Dorf. Die Männer Netter und Mack kletterten über die gesprengte Brücke und gingen den anrückenden Truppen mit einer weißen Fahne entgegen. Sie wurden dann in einem US-Jeep zurückgebracht, wo sie direkt zur Wohnung des Bürgermeisters fuhren. Der damalige Bürgermeister, sein Name war Baumeister, sowie der im Dorf wohnende Rupert Vogelsang (er war ein „Preiskommissar", der im Dritten Reich für die Einhaltung der Preise zu sorgen hatte, wurden sofort zur Gendarmeriestation gebracht, wo sie erschossen werden sollten. Der bereits erwähnte Pfarrer Meier, er hatte in Ingolstadt seine zerbombte Wohnung aufgeben müssen und hielt sich deshalb in seinem Elternhaus auf, konnte sich dann mit den Amerikanern in englischer Sprache unterhalten und erreichte, dass die beiden nicht exekutiert wurden. Vogelsang soll angeblich bereits zum Erschießen an einen Holzstoß gelehnt worden sein. "Bei Bert Braun, der eine Chronik über Pfalzpaint verfasst und veröffentlicht hat, liest sich das so: „Rupert Vogelsang hat sich in die von der SS vorbereiteten und bezogenen Stellungen begeben, um sie vom gegebenen Feuerbefehl ihrer Vorgesetzten abzuhalten. Als dies der zuständige Einheitsführer der SS erfuhr, wollte er Vogelsang in den frühen Morgenstunden unter dem Vorwand einer Besprechung abholen. Das geplante Vorhaben einer Erschießung ließ sich ernsthaft vermuten. Mit überzeugenden Argumenten hat Vogelsang auch die drei (SS-)Männer beeinflusst, dass diese in Zivil den Ort verließen." Natürlich erfuhren die Amerikaner auch von den beiden getöteten Soldaten, was aber für das Dorf glücklicherweise keine Nachwirkungen hatte. Etwa zwei bis drei Wochen später gruben US-Soldaten die beiden Toten im Friedhof aus und transportierten sie auf einem Lkw mit Anhänger ab.


EK vom 20.04.2005

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