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EK VOM 30.06.2004 |
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Mitten im Krieg den Hass überwunden Ein ehemaliger englischer Kriegsgefangener besucht seine deutschen Helfer
Pfünz/Schottland (cks) Seit 1947 hält der Brite Donald Matheson Kontakt zu Emma Hanauska, geborene Tischler, regelmäßig besucht er sie und ihre Familie in Pfünz. Jetzt war er wieder für einige Tage zu Besuch, denn die Pfünzerin und den Briten verbindet eine besondere Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg ihren Anfang nahm. Der heute 84-jährige Wahl-Schotte Matheson wurde 1940 von den Deutschen gefangen genommen und kam 1942 nach Mährisch-Altstadt (dem heutigen Stare Mesto/Slowakei) in das Gefangenenlager E 144, um dort Zwangsarbeit zu leisten. „Dieses Foto ist zu der Zeit entstanden", sagt Matheson und zieht eine verblichene Schwarzweißfotografie hervor. „Die Soldaten haben uns schön hingestellt, uns die Instrumente in die Hand gedrückt und gesagt, wir sollen lächeln." Die Aufnahme sei zu Propagandazwecken genutzt worden, um zu zeigen, wie „gut" es den Kriegsgefangenen in Deutschland gehe. Er sieht das Bild lange schweigend an. „Es war etwa ein Jahr vor Kriegsende, als ich die Familie Tischler und Emma kennen lernte", fährt Matheson fort. Rudolf Tischler, Emmas Vater, war zu einem der Wachposten gegangen und hatte nachgefragt, ob er nicht einen der Gefangenen als Helfer bekommen könne. Matheson war der Einzige, der ein wenig Deutsch konnte, und so wurde er an einem Samstag zu den Tischlers geschickt. „Ich wusste absolut nicht, was mich erwartete - und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich mit freundlichen Worten hereingebeten wurde und mir Frau Tischler ein Glas Milch in die Hand drückte - ich hatte seit Jahren keine Milch mehr getrunken." Es stellte sich heraus, dass Rudolf Tischler im Ersten Weltkrieg in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen war - auf Grund der eigenen Erfahrung hatte er Mitleid und wollte helfen. Die Tischlers versorgten Matheson und seine Kameraden von da an nicht nur mit Lebensmitteln, sondern vor allem auch mit Informationen, denn seit Jahren hatten er und seine 23 Kameraden keinen Kontakt nach draußen, geschweige denn zu anderen Menschen als den Soldaten gehabt. In zwei Zimmern zusammengepfercht, waren sie im Lager abgeschnitten von dem Rest der Welt. „Wir hatten keine Ahnung, wie es um die allgemeine politische Situation steht, denn man hatte uns komplett isoliert." Jetzt hörte Matheson mit der Familie Tischler heimlich den Radiosender „Calling Germany". Um zumindest einen gewissen Schutz zu haben, beantragte Rudolf Tischler den Beitritt zur NSDAP. Als dieser jedoch mit den Worten „heimtückische Angriffe auf Staat und Polizei" abgelehnt wurde, hielt Matheson seine Besuche für zu brenzlig für seine deutschen Freunde. Alleine das Hören des Radiosenders hätte die Familie ins KZ gebracht. „Wir hatten sowieso schon viel Glück", meint Emma Hanauska, die Tochter Tischlers, die damals 13 Jahre alt war, „denn unsere Nachbarn wussten von der Sache, aber sie verrieten uns nicht." Kurz vor Kriegsende trieben die deutschen Soldaten die Gefangenen, unter ihnen Matheson, von Mährisch-Altstadt weg nach Süden, doch als sich die Nachricht von Hitlers Selbstmord und der Kapitulation verbreitete, flüchteten seine Bewacher, und er konnte als freier Mann heimkehren - nach fünf Jahren. Zu Hause in England wollte er sein Leben neu beginnen, der Gedanke an die Tischlers ließ ihn aber nicht los: „Ich wollte unbedingt wissen, was aus der Familie geworden war, und mich bei ihr bedanken." Und so fuhr er 1947 wieder zurück nach Mährisch-Altstadt.
Bitteres Wiedersehen Er fand die Familie Tischler nicht. Alle Sudetendeutschen aus dieser Gegend seien nach Fulda vertrieben worden, erfuhr Matheson. Matheson fuhr nach Fulda - und hier kam er mit viel Glück an die Adresse seiner früheren Helfer. Es wurde ein schönes und zugleich bitteres Wiedersehen: Rudolf Tischler, so erfuhr der Brite, lag im Fuldaer Krankenhaus, schwer krank. „Ich bin sofort hingegangen, und als wir uns in die Augen blickten, sind wir uns weinend in die Arme gefallen, wie zwei alte Freunde." Es war das letzte Mal, dass sich die beiden sahen, denn bald darauf starb Rudolf Tischler, „der Mann, der mich wie einen Sohn behandelte". Donald Matheson ließ den Kontakt zur Familie nie abreißen. „Es ist schön zu wissen, dass unter all dem Hass, der damals herrschte und mich so tief schockierte, doch auch das Gute seinen Weg fand und entgegen allem anderen überdauert hat -bis heute." Emma Hanauska sagt: „Der Krieg ist eine schlimme Sache. Einer meiner Brüder ist nicht mehr heimgekommen, aber ich habe in Donald so etwas wie einen Freund, einen Bruder gefunden. Er gehört zu unserer Familie."
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EK vom 29.06.2004
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